"Stuttgarter Zeitung" vom Dienstag, 18. Mai 2004
Viel Erfahrung mit den Allüren der Stars
Kulturinitiative Rock stellt in Winterbach nicht zum ersten Mal ein großes Konzert auf die Beine
Winterbach, Von Jürgen Veit
Beim vierten Zeltspektakel in Winterbach werden vom 21. bis 25. Juli Rockgrößen wie Gianna Nannini, Jethro Tull oder Bap dem Publikum einheizen. Möglich macht dies die örtliche Kulturinitiative Rock, die schon seit 1991 namhafte Bands ins Remstal holt. Winterbach kann getrost als kleine, aber feine Gemeinde für hochkarätige Rock- und Popkonzerte bezeichnet werden. Hier gaben sich schon Ikonen wie Steve Gibbons, Eric Burdon, Roger Chapman oder Marla Glen, Ausnahmebands wie Manfred Mann"s Earth Band, Barclay James Harvest, Dr. Feelgood, Wishbone Ash oder Anyone"s Daughter die Ehre. Dass diese Größen das Publikum in Winterbach aus dem Häuschen gebracht haben, ist vor allem den 270 Mitgliedern der Kulturinitiative Rock zu verdanken. Der Verein besitzt bei Agenturen und Managern inzwischen als Veranstalter einen so guten Namen , dass es ihm gelungen ist, vom 21. bis 25. Juli Gianna Nannini, Gerhard Polt & Biermösl Blosn, Bap, Jethro Tull und Hubert von Goisern auf die Bühne des Zirkuszelts in der Mühlstraße zu bringen.
Steffen Clauss, der erste Vorsitzende der Initiative, sagt: "Dieses Mal sind wir noch mal einen Schritt weiter gegangen, vielleicht sogar zwei Schritte". Und Clauss sagt dies, obwohl er und sein zehnköpfiges Team viel Erfahrung bei der Organisation solcher Veranstaltungen besitzen.
Begonnen hatte alles im Jahr 1991. Thilo Ortmann, zuständig für die Sponsorenbetreuung, erinnert sich, wie fünf Leute aus einer Bierlaune heraus jeweils 200 Mark auf den Kneipentisch gelegt haben und sich vornahmen, "damit holen wir den Gibbons". Gesagt, getan - am 28. April 1991 spielte die Steve Gibbons Band in Winterbach. Es war nur der Anfang einer ganzen Reihe von Konzerten, einer Bluesparade und drei Zeltspektakeln, die die musikverrückten Vereinsmitglieder seitdem organisiert haben.
In all den Jahren haben Clauss und seine Mitstreiter allerlei Allüren und Macken der Stars ertragen müssen. "Die einen wollen 80 weiße Handtücher, entweder original verpackt oder aber einmal gewaschen", sagt Clauss und erinnert sich, dass die Hälfte davon nach dem Konzert gefehlt hat. Marla Glen - Clauss nennt sie vorsichtig "ein bisschen schwierig" - ließ ihre Stretchlimousine unzählige Male zwischen ihrem Hotel und dem Festplatz hin und her fahren, um ihre Fans im Unklaren zu lassen, wann sie denn nun darin sitzt. Ganz anders die Musiker der Manfred Mann"s Earth Band. Die seien beim Zeltspektakel im Jahr 2000 mit Klapprädern zwischen Zelt und Hotel gependelt und hätten nachmittags auf einer Wiese gekickt.
Grundsätzlich aber gelte: "Je bekannter die Gruppe, desto größer die Ansprüche, wobei es da sinnvolle und weniger sinnvolle gibt." Bei den Verpflegungswünschen etwa werde bisweilen stark übertrieben, da bilde Gerhard Polt allerdings eine Ausnahme, der bat lediglich: "Stellt"s halt a Brotzeit hi."
Ian Anderson von Jethro Tull hat sich vertraglich zusichern lassen, dass das Sicherheitspersonal während seines Auftritts darauf achtet, dass im Zelt nicht geraucht wird. "Der will wahrscheinlich den Dampf nicht mit seiner Querflöte direkt inhalieren", vermutet Clauss. Sonderwünsche werden auch Gianna Nannini erfüllt. Die braucht unbedingt einen Konzertflügel. Aber keinen gewöhnlichen, der muss laut Vertrag mindestens 2,70 Meter lang sein, was zusätzlich 2500 Euro pro Tag kosten würde, "wenn uns der Verleiher nicht einen Freundschaftspreis machen würde", sagt Ortmann. Clauss nimmt dies in Kauf, hat er die italienische Rockröhre doch innerhalb von 24 Stunden als Ersatz für Peter Frampton engagiert. Möglich gemacht habe es letztlich ein Pizzabäcker aus Schorndorf, der die noch ausstehende Summe für ein Engagement seiner Landsfrau gerne beigesteuert habe.
Damit waren die fünf Verträge fürs 4. Zeltspektakel im Juli perfekt. An den fünf Tagen hoffen die Verantwortlichen auf etwa 10 000 Besucher. Diese würden dann allerdings keinen großen Gewinn bringen, "nach dem letzten Zeltspektakel hatten wir nur etwa 2000 Mark mehr in der Kasse", sagt Alex Bihler, für die Finanzen des Vereins zuständig und deshalb im Vorfeld des großen Ereignisses im Sommer zurzeit naturgemäß etwas nervös. Seine Prognose: Je nachdem, wie die Sache laufe, "sind wir hinterher entweder im Rockolymp, oder . . . ." Allerdings gibt die maximale Ausfallbürgschaft von 40 000 Euro, je zur Hälfte von der Gemeinde und dem Verein übernommen, etwas Sicherheit. Was die Nerven der Mitglieder zudem beruhigt, ist der sehr zufrieden stellend verlaufene Beginn des Kartenvorverkaufs. Bis die ersten Klänge von E-Gitarren über das Festgelände bei der Firma Peter Hahn schallen, ist für die Vereinsmitglieder noch einiges zu tun: Unter anderem sind die Bühnenanweisungen der Bands umzusetzen, Hotels für die Musiker müssen reserviert, Plakate geklebt werden. Die Arbeit im Vorfeld lässt den musikverrückten Steffen Clauss leidlich seine Enttäuschung über die letzte Absage vergessen: "Mensch, der Frampton, der wär"s schon gewesen."